Wir verdanken ihm zigtausende verständliche Kundenanschreiben, Formulare, Produktbeschreibungen, PR-Mitteilungen, Gesetzes- und Versicherungstexte: dem Hamburger Verständlichkeitsmodell. Vor nun 46 Jahren entwickelte die Forschergruppe Langer, Schulz von Thun und Tausch den ersten Textoptimierungsansatz überhaupt, der sich konkret anwenden ließ. Das Erstaunliche: Bis heute hat das Modell nichts an Beliebtheit eingebüßt.

Das Hamburger Modell lieferte die erste anwendbare Methode zur Optimierung von Textverständlichkeit.

Die vier Dimensionen des Hamburger Modells

Die drei Professoren der Hamburger Forschergruppe geben als Grund für die Modellentwicklung an, selbst oft auf Texte gestoßen zu sein, die sie nicht verstanden haben. Vom Gesetzes- bis zum Schulbuchtext sei ihnen immer wieder massive Schwerverständlichkeit begegnet. Dabei sei aber selten der Inhalt selbst kompliziert gewesen, sondern lediglich seine Darstellung. Verständlichkeit lässt sich nach den Entwicklern in insgesamt vier Kategorien ausmachen und verbessern. Diese funktionierten relativ unabhängig voneinander. Das bedeutet: Wenn ein Text in einer der Dimensionen optimal gestaltet ist, heißt das nicht automatisch, dass er auch verständlich sei.

1. Einfachheit

In dieser Dimension geht es um die Wortwahl und den Satzbau. Kurze Sätze, die bekannte kurze Wörter enthalten sind einfach zu verstehen. Lange Sätze mit unbekannten (auch Fremd- und Fach-) Wörtern führen dagegen zu Schwerverständlichkeit. Die Sprache in schwerverständlichen Texten ist außerdem oft abstrakt und nicht anschaulich, in verständlichen Texten dagegen konkret und bildhaft.

2. Gliederung/Ordnung

In dieser Dimension stehen die innere und die äußere Struktur im Zentrum.
Innere Ordnung: In schwerverständlichen Sätzen fehlt ein logischer Aufbau der Inhalte. In verständlichen Texten sind die Sätze und Informationen logisch aufeinander bezogen – die innere Ordnung stimmt.
Äußere Gliederung: In schwerverständlichen Texten ist keine äußere Gliederung vorhanden, die dem Leser Orientierung bietet. In gut verständlichen Texten wurde durch Vorerklärungen, Überschriften und Zwischenüberschriften etc. eine verständlichkeitsfördernde Struktur geschaffen.

3. Kürze/Prägnanz

Zu kurz und gedrungen oder durch unnötige Details, Füllwörter, Nebenerläuterungen etc. zu lang und weitschweifig. Beide Extreme wirken sich laut Langer et al. auf die Verständlichkeit eines Textes aus. Am verständlichsten sei ein Mittelmaß, das in „angemessenem Verhältnis zum Informationsziel“ stehe.

4. Anregende Zusätze

Die Autoren gehen davon aus, dass sich auch bestimmte Zusätze auf die Lebendigkeit eines Textes und damit auf seine Verständlichkeit auswirken. Als Beispiele nennen sie Ausrufe, Fragen zum Mitdenken, wörtliche Rede, direkte Leseransprache, witzige Formulierungen etc.

Die Hamburger postulieren eine Gewichtung der Dimensionen: Einfachheit ist aus ihrer Sicht die wichtigste, denn ein komplizierter Text sei immer schwerverständlich. Die anderen drei Dimensionen folgen in der Reihenfolge wie oben angegeben: Gliederung/Ordnung, Kürze/Prägnanz und Anregende Zusätze.

Die Person im Zentrum: Die Erweiterung nach Rogers

Unabhängig von ihren vier Verständlichkeitsdimensionen geben Langer und Kollegen in der Weiterentwicklung ihres Ansatzes noch eine weitere Möglichkeit an, Texte verständlicher zu gestalten. In Anlehnung an den Psychologen und Psychotherapeuten Carl Rogers nennen sie drei Merkmale des sogenannten „personenzentrierten Schreibens“.

  • Achtung/Rücksichtnahme auf den Leser
  • Einfühlung in die seelische Welt des Lesers
  • Aufrichtigkeit und Klärung der eigenen Gedanken und Gefühle sowie eine Selbstöffnung gegenüber dem Leser

Untersuchungen hätten bestätigt, dass personenzentrierte Texte vom Leser deutlich besser verstanden würden. Hier wird der Leser also deutlich stärker berücksichtigt als in der ursprünglichen Fassung des Modells. Dabei ist davon auszugehen, dass sich eine leserzentrierte Haltung definitiv förderlich auf die Verständlichkeit auswirken kann. Fraglich bleibt bei dieser Herangehensweise, ob und wie sehr das individuell für den einzelnen Fall geschieht. Konkret: Bleibt das Vorgehen ein Allgemeines oder wird es immer wieder neu an die jeweilige Lesergruppe angepasst?

Wo ist er denn, der Adressat? Kritik am Hamburger Modell

In der ersten Fassung des Hamburger Modells von 1974 sind lediglich diese vier Dimensionen für die Verständlichkeit bzw. Nicht-Verständlichkeit ausgemacht worden. Die Angewandte Linguistin Prof. Göpferich nannte 2001 als zentralen Grund für die Entwicklung ihres Karlsruher Verständlichkeitsmodells eben jenes Fehlen weiterer Faktoren für eine valide Beurteilung der Verständlichkeit von Texten. Sie ergänzt ihr Modell deshalb um die sogenannten Textproduktions-Eckdaten und die Kommunikative Funktion eines Textes, die seine Adressaten, den Zweck und den Absender mitberücksichtigt. In der Weiterentwicklung des Hamburger Modells geben die Autoren allerdings immerhin an, dass es zwei unterschiedliche Adressatengruppen gebe: die Allgemeinheit und „besondere Gruppen“. Die Texte für die Allgemeinheit müssten vom Hauptschüler bis zum Akademiker jedem verständlich sein, Texte für besondere Gruppen nur der jeweiligen Community.

Was Hamburg und Karlsruhe leisten

Genau hier ergeben sich die Grenzen und Einsatzgebiete des Hamburger Ansatzes. Er eignet sich hervorragend, um Texte zu verfassen, die eine sehr große und heterogene Adressatengruppe erreichen sollen. Schulbuchtexte, Versicherungstexte sowie Gesetzes- und Vertragstexte zum Beispiel. Nicht im selben Maß geeignet ist es allerdings für die Kommunikation zwischen Fachleuten bzw. Fachunternehmen und ihren Kunden, Lieferanten, Geschäftspartnern, Aktionären etc. Zu diesem Zweck liefert das Karlsruher Modell einen Ansatz, der zwar komplexer, dafür aber differenzierter und damit zielgenauer ist.

Auf den Punkt:

Hamburger Modell: Ideal, um Texte für große heterogene Gruppen zu verfassen.
Karlsruher Modell: Ideal, um Texte an spezielle Zielgruppen anzupassen.

Fazit:

Das Hamburger Verständlichkeitsmodell hat einen festen Platz in der Riege der Textoptimierungsmodelle. Die 46 Jahre Erfolgsgeschichte seit seiner Entwicklung sprechen für sich. Es eignet sich aus meiner Sicht vor allem für die Optimierung der Verständlichkeit von Texten, die große Adressatengruppen mit sehr unterschiedlichen Vorwissensbeständen erreichen sollen. Weniger gut geeignet, ist es für den Einsatz in der Fachmann-Laien-Kommunikation, die komplexe bis hochkomplexe Themen behandelt und deren Ziel spezifischere Adressaten sind.

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